Der weite Weg vom Mühlbachtal auf den schwedischen Thron
In den staubigen Registern kleiner Gemeinden schlummern oft Biografien, die man dort niemals vermuten würde. Wer heute durch das beschauliche Wittershausen bei Vöhringen spaziert, ahnt kaum, dass einer seiner Söhne einst die Geschicke in einer der mächtigsten Metropolen Europas mitlenkte. Die Rede ist von Johann Christoph Hengheer, einem Mann, dessen Leben die Brücke schlug zwischen einem schwäbischen Dorf mit 140 Seelen und dem königlichen Glanz Stockholms.
Ein Kind des Pfarrhauses: Die Wurzeln in Wittershausen
Johann Christoph Hengheer wurde im Jahr 1604 geboren – in eine Welt, die bereits am Abgrund stand. Die religiösen Spannungen in Deutschland verschärften sich, und der Vorabend des Dreißigjährigen Krieges war von Ungewissheit geprägt. Doch in Wittershausen bot das Pfarrhaus einen Hort der Stabilität und Bildung.
Als Sohn des örtlichen Geistlichen Georg Hengheer genoss Johann Christoph Privilegien, die den meisten seiner Zeitgenossen verwehrt blieben. Während die Kinder der Bauern und Handwerker auf den Feldern „gen Vöhringen“ oder „gen Bochingen“ arbeiteten, lernte er Latein, Griechisch und die Grundlagen der Rhetorik. Das evangelische Pfarrhaus war damals das intellektuelle Kraftzentrum des Dorfes. Für Johann Christoph war der Weg klar: Er sollte in die Fußstapfen seines Vaters treten und Theologie studieren. Doch niemand konnte ahnen, dass sein „Kirchspiel“ einmal ein ganzes Königreich umfassen würde.
Der große Bruch: Krieg, Pest und die Flucht nach vorn
Als Hengheer Mitte zwanzig war, verwandelte sich Deutschland in ein Schlachtfeld. Der Dreißigjährige Krieg überzog die Heimat mit Elend. Wittershausen selbst erlebte dunkle Jahre: Die Pest wütete, die Einwohnerzahl halbierte sich, und Truppendurchzüge ließen kaum Raum für ein geregeltes Pfarramt.
In dieser Zeit der Not traf Hengheer eine mutige Entscheidung. Statt in der kriegsgebeutelten Heimat auszuharren, zog er in die Fremde. Im Jahr 1632 – jenem schicksalhaften Jahr, in dem der schwedische „Löwe aus Mitternacht“, König Gustav II. Adolf, in der Schlacht bei Lützen fiel – trat Hengheer als Feldprediger in die schwedische Armee ein.
Auf den Schlachtfeldern Europas
Die Rolle eines Feldpredigers im 17. Jahrhundert darf man sich nicht als rein geistliche Tätigkeit vorstellen. Hengheer war Teil des logistischen und moralischen Rückgrats der schwedischen Großmacht. Inmitten von Pulverdampf und Kanonendonner war er Seelsorger, diplomatischer Unterhändler und oft auch Berater der hohen Offiziere.
Sein Aufstieg innerhalb der schwedischen Hierarchie war rasant. Seine schwäbische Gründlichkeit gepaart mit hoher theologischer Gelehrsamkeit machte ihn am schwedischen Hof bekannt. Während seine Verwandten in Wittershausen wohl um ihr tägliches Brot bangten, verkehrte Johann Christoph bald in den höchsten Kreisen einer europäischen Supermacht.
Der „Schwabe“ in Stockholm: Oberpfarrer der Großmacht
Der Höhepunkt seiner Karriere führte ihn in den Norden. Hengheer wurde zum Oberpfarrer von Stockholm ernannt. Man muss sich das Ausmaß dieses Erfolgs vergegenwärtigen: Ein Mann aus einem winzigen Dorf im Oberamt Sulz stand nun auf der Kanzel der schwedischen Metropole.
Stockholm war zu dieser Zeit das politische Zentrum des Ostseeraums. Hengheer pflegte Kontakte zu Ministern, Adligen und Gelehrten. Er war nicht mehr nur der Sohn eines Dorfgeistlichen; er war eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die den evangelischen Glauben in einer Zeit des Umbruchs mit diplomatischer Finesse vertrat. Sein Leben in Schweden war geprägt von prunkvollen Gottesdiensten und den komplexen Machtspielen am Hof der Königin Christina.
Heimkehr in die Trümmer: Probst von Denkendorf
Trotz des Glanzes in Stockholm vergaß Hengheer seine Wurzeln nicht. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648, als Europa mühsam versuchte, sich neu zu ordnen, zog es ihn zurück nach Süddeutschland.
Seine Expertise war im zerstörten Württemberg heiß begehrt. Er wirkte zunächst als Stiftsprediger in Stuttgart, wo er half, das religiöse Leben der Residenzstadt wiederaufzubauen. Schließlich erhielt er eines der angesehensten Ämter der Region: Er wurde Probst von Denkendorf. Das dortige Kloster war nicht nur ein Verwaltungszentrum (General-Vikariat), sondern auch eine Kaderschmiede für den theologischen Nachwuchs.
Als Johann Christoph Hengheer im Jahr 1678 verstarb, schloss sich ein Kreis. Er war als einfacher Pfarrerssohn gestartet, hatte die Weltmeere und Schlachtfelder gesehen und kehrte als hochgeehrter Kirchenfürst zurück.
Warum wir uns heute an ihn erinnern sollten
Für das heutige Wittershausen ist die Geschichte von Johann Christoph Hengheer weit mehr als eine historische Fußnote. Er ist ein Symbol für drei wesentliche Werte:
- Die Kraft der Bildung: Sein Lebensweg zeigt, dass Bildung der wichtigste soziale Aufzug war – damals wie heute.
- Globale Vernetzung: Er bewies, dass die „große Geschichte“ nicht nur in Paris, Wien oder London stattfand, sondern dass Menschen aus kleinen Orten wie Wittershausen aktiv an ihr mitschrieben.
- Identität und Stolz: Hengheer gibt Wittershausen ein Gesicht. Er erinnert uns daran, dass in jedem Dorf das Potenzial für Weltläufigkeit steckt.
Wenn wir heute in den Kirchenbüchern von Wittershausen blättern – in den Taufbüchern ab 1643 oder den Totenbüchern ab 1654 – dann lesen wir Namen von Menschen, die oft ein hartes, kurzes Leben führten. Doch Johann Christoph Hengheer ist der Beweis dafür, dass der Weg aus dem Mühlbachtal bis an die Paläste des Nordens führen konnte. Er bleibt der wohl berühmteste Sohn der Gemeinde und ein inspirierendes Beispiel für Mut und Geist in dunkler Zeit.