Wittershausen, heute ein idyllischer Ortsteil von Vöhringen, blickt auf eine fast 900-jährige dokumentierte Geschichte zurück. Doch hinter der beschaulichen Fassade des Haufendorfs im Mühlbachtal verbirgt sich eine Historie voller Umbrüche, kriegerischer Schicksalsschläge und dem unbändigen Überlebenswillen seiner Bewohner.
Die Anfänge: Zwischen Klöstern und Grafen
Die offizielle Geburtsstunde Wittershausens schlug im Jahr 1139. In einer Urkunde bestätigte Papst Innozenz II. dem Kloster Gengenbach seinen Besitz im Ort, der damals als Witershusen geführt wurde. Experten vermuten jedoch, dass die Siedlung bereits im 9. Jahrhundert während der frühmittelalterlichen Ausbauphase entstand – vermutlich benannt nach einem Anführer namens „Withari“.
Die strategische Lage war damals wie heute entscheidend: Östlich der alten Römerstraße gelegen, die Rottweil mit Sulz verband, bot die Ebene am Mühlbachtal mit ihren zahlreichen Quellen ideale Bedingungen für eine Besiedlung.
Ein Dorf im Besitz der Kirche
Besonders prägend war das Kloster Alpirsbach, das ab 1313 massiv an Einfluss gewann. Das Dorf war fast vollständig in Klosterbesitz:
- 1491: Das Dorf bestand aus 27 Alpirsbacher Lehenhöfen.
- Der Freihof: Er war das Herzstück der Siedlung. Da es kein Rathaus gab, fanden hier im 18. Jahrhundert noch die Sitzungen des Dorfgerichts statt.
- Die Herrschaft: Bevor Württemberg die Vogtei übernahm, gaben sich die Grafen von Zollern, die Grafen von Sulz und die Herzöge von Teck die Klinke in die Hand.
Das dunkle 17. Jahrhundert: Krieg, Pest und Leere
Die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) markiert den wohl tiefsten Einschnitt in der Dorfgeschichte. Wittershausen wurde von den Kriegswirren und der „wütenden Pest“ fast dem Erdboden gleichgemacht.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache:
Um 1600 lebten noch circa 140 Menschen im Ort. In den schlimmsten Kriegsjahren nach 1640 sank die Geburtenrate auf nur noch ein bis vier Kinder pro Jahr. Das Dorf war zeitweise nahezu verwaist.
Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kehrte das Leben langsam zurück. 1703 zählte man wieder 267 Einwohner, und bis 1805 schwoll die Zahl auf über 500 an – ein enormes Wachstum für die damalige Zeit, das jedoch auch neue soziale Probleme mit sich brachte.
Überleben zwischen Ackerbau und Auswanderung
Das Leben in Wittershausen war hart. Die Landwirtschaft wurde im Dreizelgensystem betrieben, wobei die Äcker in Richtungen Vöhringen, Sulz und Bochingen aufgeteilt waren. Hauptsächlich wurden Dinkel und Hafer angebaut sowie Rinder gezüchtet.
Große Armut und der Weg in die Ferne
Die Vermögensunterschiede waren gewaltig. 1749 besaßen 60 % der Einwohner lediglich ein Vermögen von bis zu 100 Gulden – kaum genug zum Überleben. Diese Not trieb viele in die Ferne:
- 1781: Sechs Familien und mehrere Paare wanderten nach Polen aus.
- 1804: Weitere Einwohner suchten ihr Glück in Russland.
Trotz der Armut gab es ein reges Handwerk: Weber, Schmiede, Bäcker und sogar ein „Gassenwirt“ versorgten das Dorf. Interessant: Ein offizielles Wirtshaus gab es lange nicht – die Schankerlaubnis wurde jährlich an den Meistbietenden versteigert.
Kirche in Wittershausen um 1910

Ein Sohn des Dorfes in fernen Landen
Trotz seiner bescheidenen Größe brachte Wittershausen bedeutende Persönlichkeiten hervor. Der berühmteste ist zweifellos Johann Christoph Hengheer (geboren 1604). Als Sohn des örtlichen Pfarrers Georg Hengheer schlug er eine beeindruckende Laufbahn ein:
- 1632: Feldprediger in der Schwedischen Armee.
- Karriere in Übersee: Er stieg bis zum Oberpfarrer von Stockholm auf.
- Rückkehr: Er verstarb 1678 als angesehener Stiftsprediger in Stuttgart und Probst von Denkendorf.
Service für Familienforscher (Genealogie)
Wer heute Ahnenforschung betreibt, findet in Wittershausen exzellente Quellen. Da der Ort seit der Reformation (1534/35) evangelisch geprägt war (mit Ausnahme der nach Bochingen eingepfarrten Katholiken), sind die Kirchenbücher eine zentrale Anlaufstelle:
| Buchtyp | Beginn der Aufzeichnungen |
| Taufbücher | ab 1643 |
| Ehebücher | ab 1650 |
| Totenbücher | ab 1654 |
Pro-Tipp: Die Digitalisate sind über das Portal Archion zugänglich. Forscher sollten besonders nach „Zufallsfunden“ Ausschau halten – oft finden sich hier Informationen über Personen, die eigentlich aus anderen Regionen stammten, aber in Wittershausen heirateten oder verstarben.
Hier ist ein vertiefter biografischer Artikel über Johann Christoph Hengheer, der als der bedeutendste historische Sohn Wittershausens gilt. Sein Lebensweg ist ein faszinierendes Beispiel für die soziale Mobilität im 17. Jahrhundert – vom Pfarrhaus im kleinen Schwarzwald-Dorf bis in die höchsten Kreise Stockholms und Stuttgarts.
Johann Christoph Hengheer (1604–1678): Von Wittershausen nach Stockholm
In den Geschichtsbüchern kleiner Gemeinden finden sich oft Persönlichkeiten, deren Lebensweg weit über die Grenzen ihrer Heimat hinausstrahlte. Für Wittershausen ist dies zweifellos Johann Christoph Hengheer. Geboren in einer Zeit des religiösen Umbruchs und des heraufziehenden Dreißigjährigen Krieges, verkörpert er die Verbindung von theologischer Gelehrsamkeit und weltpolitischem Einfluss.
Herkunft und frühe Jahre
Johann Christoph wurde im Jahr 1604 in Wittershausen geboren. Er war nicht irgendwer: Als Sohn des örtlichen Geistlichen Georg Hengheer wuchs er in einem Umfeld auf, das von Bildung und tiefem evangelischem Glauben geprägt war. Das Pfarrhaus war in jener Zeit oft das kulturelle Zentrum eines Dorfes, und für den jungen Johann Christoph war der Weg in das Studium der Theologie fast vorgezeichnet.
Der Sprung auf die Weltbühne: Feldprediger in schwedischen Diensten
Die Wende in seinem Leben brachte der Dreißigjährige Krieg. Während seine Heimat Wittershausen unter der Pest und Truppendurchzügen litt, zog es Hengheer in die Ferne.
Im Jahr 1632 – dem Todesjahr des schwedischen Königs Gustav II. Adolf – trat er als Feldprediger in die schwedische Armee ein. Dies war eine Schlüsselposition: Feldprediger waren nicht nur für das Seelenheil der Soldaten zuständig, sondern fungierten oft als diplomatische Vermittler und Berater.
Karriere im hohen Norden: Oberpfarrer von Stockholm
Sein rhetorisches Geschick und sein diplomatisches Gespür führten ihn schließlich bis an den schwedischen Hof. Schweden war zu dieser Zeit eine europäische Großmacht. Hengheer stieg in Stockholm zu höchsten Ehren auf:
- Er wurde Oberpfarrer von Stockholm.
- Er genoss großes Ansehen in der schwedischen Metropole und pflegte Kontakte zu den einflussreichsten Kreisen des Nordens.
Es ist bemerkenswert, dass ein Pfarrerssohn aus einem kleinen württembergischen Dorf, das damals kaum 140 Einwohner zählte, eine solche Machtposition in einer der wichtigsten Hauptstädte Europas einnehmen konnte.
Die Rückkehr in die Heimat: Probst von Denkendorf
Trotz seines Erfolges im Norden zog es Hengheer im Alter zurück in seine süddeutsche Heimat. Nach dem Ende des großen Krieges kehrte er nach Württemberg zurück und bekleidete dort erneut prestigeträchtige Ämter:
- Er wirkte als Stiftsprediger in Stuttgart.
- Schließlich wurde er Probst von Denkendorf. Das Kloster Denkendorf war damals ein bedeutendes evangelisches General-Vikariat und eine renommierte Klosterschule.
Johann Christoph Hengheer verstarb im Jahr 1678. Er hinterließ ein Erbe, das zeigt, wie Bildung und Mut einen Menschen aus der dörflichen Enge bis in die Zentren der Macht führen konnten.
Warum Hengheer für Wittershausen so wichtig ist
Für die Gemeinde Wittershausen ist Hengheer mehr als nur ein Name in einem alten Kirchenbuch. Er steht für:
- Die Bedeutung der Bildung: Das Pfarrhaus als Keimzelle für Karrieren.
- Die Vernetzung: Dass selbst kleine Orte über ihre Söhne Teil der großen Weltgeschichte (Schwedische Besatzung, Dreißigjähriger Krieg) waren.
- Identität: Er gibt dem Ort ein historisches „Gesicht“, das weit über die regionale Landwirtschaft hinausreicht.
Fazit: Ein Gemeinwesen mit Zukunft
Wittershausen hat sich von einem durch das Kloster geprägten Bauerndorf zu einem modernen Ortsteil entwickelt. Der Wandel von der Landwirtschaft hin zu Gewerbe und Industrie wurde durch den sprichwörtlichen „schwäbischen Fleiß“ und Unternehmergeist gemeistert. Wer heute durch das Dorf geht, spürt die Verbindung von Tradition – repräsentiert durch die Chorturmkirche St. Peter und Paul – und moderner Lebensqualität.
Hier sind die wichtigsten Links zu Wittershausen, die du für deinen Blogartikel als Quellen oder weiterführende Informationen verlinken kannst. Ich habe sie thematisch sortiert:
1. Offizielle Informationen der Gemeinde
- Gemeinde Vöhringen – Ortsteil Wittershausen: https://www.voehringen-bw.de/unser-voehringen/ortsteile/wittershausen (Die offizielle Seite mit aktuellen Informationen und kurzem geschichtlichem Abriss.)
2. Historische & Landeskundliche Quellen
- LEO-BW (Landeskunde entdecken online): https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/14352/Wittershausen+Altgemeinde-Teilort (Hervorragende wissenschaftliche Quelle zur Geschichte, den Besitzverhältnissen und alten Namensformen.)
- Historische Karte (Kiesersche Forstkarte von 1684): https://www.leo-bw.de/karte/-/kartensegment/labw_karten/3/614 (Hier kannst du Wittershausen so sehen, wie es zur Zeit von Johann Christoph Hengheer aussah.)
3. Ahnenforschung (Genealogie)
- Archion (Kirchenbücher online): https://www.archion.de/ (Der Link für alle, die selbst in den Tauf- und Ehebüchern von Wittershausen forschen wollen.)
- CompGen (Verein für Computergenealogie) – Ortsverzeichnis: https://wiki.genealogy.net/Wittershausen_(Vöhringen) (Informationen zu den verfügbaren Kirchenbüchern und zur genealogischen Forschung vor Ort.)
4. Kirche & Religion
- Evangelische Kirchengemeinde Wittershausen: https://www.kirchengemeinde-wittershausen.de/ (Informationen zur heutigen Kirchengemeinde und zur Geschichte der St. Peter und Paul Kirche.)
5. Bildmaterial (Wikimedia Commons)
- Bildergalerie Wittershausen: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Wittershausen_(Vöhringen) (Dort findest du die Fotos, die du unter Nennung der Lizenz kostenlos nutzen darfst.)
Vorschlag für eine „Weiterführende Links“-Sektion in deinem Blog:
Mehr über Wittershausen erfahren:
- Werfen Sie einen Blick in dieoffizielle Ortsgeschichteder Gemeinde Vöhringen.
- Entdecken Sie historische Details und Karten im Landesarchiv-PortalLEO-BW.
- Für Ahnenforscher: Die digitalisierten Kirchenbücher sind beiArchioneinsehbar.